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Der Überlebenshelfer

| Posted in Kambodscha, Reportage |

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In Phnom Penh kann man sich als Tourist den ganzen Tag unheimlich gut fühlen. Weil man ständig Gutes tut. Man speist in Restaurants, die ehemalige Straßenkinder zu Köchen und Kellnern ausbilden und trinkt gerne noch ein Glas Wein – für den guten Zweck. Man kauft in hübschen Boutiquen bunte Ketten, zwar überteuert, aber dafür von Waisen aus alten Verpackungen gebastelt. Man nimmt trotz infernalen Verkehrs eine Fahrradrikscha und unterstützt damit eine Fahrradrikschafahrer –Hilfsorganisation.

In Phnom Penh gibt es Entwicklungshilfe-Organisationen an jeder Ecke. Um Gutes zu tun, braucht man sich nicht die Hände schmutzig zu machen. Es reicht schon, ein paar Dollar springen zu lassen.

Oder man macht es wie David. Sein Projekt hat keinen Namen, keine schicke Website und kein internationales Netzwerk.

Er fährt auf die Müllhalde, füttert die Kinder, und fährt wieder herunter. Einfach so.

„Seine“ Kinder leben nahe der „Stung Meanchey“ Müllhalde in einem Außenbezirk Phnom Penhs. Er traf sie zum ersten Mal vor sechs Jahren, als er entgegen aller Warnungen beschloss, sich an diesem Ort ein Bild von der Schattenseite der Drittwelt-Modernisierung zu machen. Damals lud er ein Auto voll mit Essen, fuhr hin – und kehrte mit Tränen in den Augen wieder zurück.

Rund 1000 Familien lebten damals auf, neben und von der Müllhalde, auf der täglich 1000 Tonnen Müll abgeladen wurden. Das Durchsuchen des Mülls nach recycelbaren und wiederverkaufbaren Teilen sicherte den Menschen ein Einkommen von 1-2 Dollar pro Tag. Das Risiko von Verletzungen und Krankheiten und das wenig einladende Umfeld nahmen sie dafür in Kauf. Es war ein gefährlicher und hässlicher Ort. David fragte sich, wie die Menschheit die Existenz dieses Orts überhaupt erlauben konnte. Und er begann, regelmäßig hinzufahren.
Manchmal war David nicht der einzige „Barang“ dort. Stung Meanchey wurde über die Jahre zu einem journalistischen Klischee. Es wurde beschrieben, gefilmt und fotografiert. Das Bild des lumpenbekleideten Kinds, das im qualmenden, von unsereins verursachten Wohlstandsmüll herumstochert, verkaufte sich gut. So wurden die Menschen von Stung Meanchey, von ihrer eigenen Gesellschaft marginalisiert, internationale Ikonen der Drittwelt-Armut. Der darauf folgende Spendenstrom erlaubte Hilfsorganisationen, Schulen und Ausbildungsmöglichkeiten für die Anwohner zu organisieren. Das Leben der Menschen blieb dennoch hart, und nun blicken sie in eine ungewisse Zukunft.

Im Juli 2009 wurde die Müllhalde geschlossen. Der Müll wird nun auf eine neue Deponie außerhalb der Stadt gebracht. Die Menschen bleiben ohne Einkommen zurück, und auch das öffentliche Interesse lässt nach. David setzt seine Touren davon unbeeindruckt fort. Er hat mit Journalisten ohnehin nicht viel am Hut. Er verachtet sie, die auf die Müllhalde kommen, ein paar Fotos machen, ein paar Fragen stellen und ein paar Lutscher verteilen. Er ist ein Mann der Tat. Als er vor einigen Jahren seiner englischen Heimat den Rücken kehrte, um die Pensionierung in Kambodscha verbringen, brach er alle Brücken hinter sich ab. Nun steht er jeden Abend in seiner kleinen Bar in Phnom Penh und schenkt Bier an ausländische Touristen aus. Jeden Morgen bricht er auf zu seiner Tour auf die Müllhalde. Dabei lässt er sich von freiwilligen Helfern, die er über Flugblätter und in seiner Bar anwirbt, begleiten. Jeder Freiwillige spendet etwas Geld, David organisiert ein paar Tuktuks, und so fährt der Hilfstrupp zum Einkaufen auf den Markt, wo David Stammkunde ist. Baguettes in großen Tüten sind schon abgepackt, dazu kauft er noch Obst der Saison, wie Äpfel, Orangen und Ananas. Mit einem Dollar, sagt er, kann er drei Kinder versorgen.

Bei der Ankunft am Rande der Müllhalde erwarten uns fröhlich winkend einige Kinder. Sie wissen schon, was los ist. Schnell werden zwei Reihen gebildet, eine für Kinder und eine für junge Mütter und Schwangere. Für letztere hat David eine extra Portion Vitamin C parat: Jede Frau bekommt außer den zwei Baguettes noch eine ganze Ananas. Während die Helfer anfangen, Brote und Obst aus dem Tuktuk auszugeben, sorgt David mit Nachdruck dafür, dass die Reihe eingehalten wird und sich keiner vordrängelt. Obwohl er kein Wort Khmer spricht, versteht jeder, was gemeint ist, wenn sein „come on boy, back into the line!“ über den Platz ertönt. Manchmal nimmt eine der zierlichen Frauen in den Arm – er überragt sie um Längen – und drückt sie. Sie freuen sich über die Zuneigung, die sie von einem so hochgeschätzten weißen Mann erhalten, während sie von den eigenen Landsmännern oft abschätzig behandelt werden.

Ich frage mich, wie es für die Leute hier weiter geht. Einige, so David, ziehen weg. Andere bleiben in ihren Hütten und suchen tagsüber in der Stadt nach Recycling-Müll oder verrichten kleine Jobs. Und sie haben David, der bleibt ihnen treu. Und er bringt ihnen weiterhin das Obst für die Gesundheit, das Weißbrot für die Moral und seine Zeit für die Seele. Nicht mehr – und nicht weniger.

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Die Geschichte von Boeng Ka(c)k

| Posted in Kambodscha, Reportage |

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Im Nordwesten Phnom Penhs liegt der See “Boeng Kak”, an dessen Ostseite sich einige Guesthouses angesiedelt haben. Man nannte es die “Lakeside”. Es war eine entspannte Gegend mit gemütlichen Hütten und Terrassen, teils auf Stelzen auf den See gebaut, die vor allem Rucksacktouristen anzog.

Damit soll es nun bald vorbei sein.

Im Februar 2007 hat die Stadtverwaltung verkündet, dass ein Pachtvertrag mit der Firma Shukaku Inc. ausgehandelt wurde, der dieser für 99 Jahre erlaubt, 133 Hektar des Seegebiets zu bebauen. Eingeschlossen ist die dazu notwendige Trockenlegung des Sees und Umsiedelung von 4000 Familien, die die Uferregion bewohnen.

Seit Anfang 2008 liegt am Ufer des Sees ein riesiges Rohr, durch das Sand aus dem Tonle-Sap-Fluss in den See gepumpt wird. Nur 10 Hektar Seefläche sollen übrig bleiben. Dass die Befüllung des Sees gewisse Nebeneffekte haben könnte, wurde kaum beachtet.

Das erste Problem ist das Entfernen des Sands aus dem Flussbett, was dazu führen könnte, dass das Flussufer instabil wird und Häuser am Fluss einstürzen. Etwas ähnliches ist im Dorf Koh Norea passiert, wo durch das Abpumpen des Flussbetts ein Erdrutsch ausgelöst wurde, bei dem Land und Häuser in den Fluss stürzten und die Leute ohne Eigentum zurückließ.

Weiterhin kämpfen die Anwohner am See schon jetzt mit Überschwemmungen, weil das Wasser nicht richtig abgeleitet wird. In der Regenzeit wurden auch schon Häuser in anderen Bezirken überschwemmt, weil kleinere Wasserreservoirs dort überliefen.

Kritiker des Projekts zeigen sich verständnislos, warum das gigantische Unternehmen überhaupt notwendig ist. Man hätte Shukaku 10 Hektar Land entlang der Eisenbahnlinie zu einem guten Preis verkaufen können, und die Stadtverwaltung hätte bis zu $ 200 Mio. einnehmen können, ohne die Umwelt auf dem Gewissen zu haben.

Der ganze Vertrag ist, wie es ein Parlamentarier der Sam Rainsy Partei gewagt hat auszusprechen, “ernstlich korrupt”. Der Entwicklungsplan war im Vorfeld nicht veröffentlicht worden, es gab auch keine öffentliche Ausschreibung, zu der sich andere Firmen hätten bewerben können. Die Verträge wurden still und heimlich unterzeichnet. Der Preis von $ 70 Mio. erscheint Ökonomen als zu billig.

Shukaku Inc. gehört dem Senator Lao Meng Khin, der Premierminister Hun Sen’s regierender Partei angehört und ihn in internationalen Angelegenheiten berät. Seine Frau ist die in Kambodscha wohlbekannte Besitzerin des Pheapimex-Konzerns.

Zurück zum See:
Schaut man heute von einer der Terrassen an der Lakeside auf den See, erhebt sich dort, wo vor einem Jahr noch die spiegelglatte Wasseroberfläche war, eine Sandbank aus dem Wasser. In der Ferne sieht man Bagger und Baumaschinen, wo vorher einige Stelzenhütten im See standen.

Die Guesthouses und Restaurants am See verzeichnen schon jetzt einen Umsatzrückgang zwischen 30 und 75 Prozent, weil viele Touristen dem See fern bleiben. Es wird kaum noch in die Gebäude investiert, weil niemand weiß, wie lange man noch bleiben kann. Die Geschäftsbetreiber erhalten keine Informationen darüber, wie die Gegend später aussehen soll und was geplant wird. Allerdings beginnt Shukaku Inc. bereits, Anwohner mit Geld zum Umzug zu bewegen. Hausbesitzer erhalten $ 8000 bar und 2 Mio. Riel, oder 2 Mio. Riel und eine kleine Wohnung im Dangkao Bezirk. Mehr als die Hälfte der Anwohner haben bereits akzeptiert und die meisten nehmen das Bargeld.

Sie wissen, dass sie gegen die Übermacht der Konzerne und des korrupten Staatsapparats sowieso nicht ankommen.

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Hello Phnom Penh

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Am 08.01. sind wir mit dem Bus nach Phnom Penh gereist.

Phnom Penh ist keine Mega-Metropole wie Bangkok, und kein Must-See wie Angkor, es hat auch keinen Strand wie Barcelona – aus diesen und anderen Gründen halten sich dort nicht ganz so viele Touristen auf. Zudem haben wir einige Touristenmagneten erfolgreich vermieden, z.B. Nationalmuseum und Königspalast, die ich letztes Jahr schon mit Manuela abgefrühstückt hatte und die Diana sich aus Prinzip nicht anschauen wollte.

In Phnom Penh haben wir einiges richtig gemacht. Zuallererst haben wir ein gutes Guesthouse ausgesucht. Aus diversen Quellen hatten wir erfahren, dass die Lakeside nicht der Ort der Wahl ist. (Über die Lakeside bzw. den ‘Boeng Kak’ See berichte ich in Kürze). Wir fanden das Guesthouse “The Last Home” nahe Fluss und Nationalmuseum in einer relativ ruhigen Straße und fühlten uns dort gleich “at home”. Unsere Gastgeberfamilie beherbergt außer den Gästen auch einige Katzen und einen kleinen Bettvorleger von Hund, der ab und zu mit Shampoo gewaschen wird. Unser Zimmer ist im dritten Stock, so dass wir wieder viele Treppen laufen müssen, dafür ist es hell und luftig, und wir können den Balkon benutzen. Nur das Bad lässt etwas zu wünschen übrig (keine Toilette, kein warmes Wasser, keine Duschhalterung), aber das können wir bei einer Miete von 7$ pro Nacht verschmerzen.

Phnom Penh ist wie jede asiatische Stadt dreckig und anstrengend, deshalb haben wir uns einen entspannten Tagesablauf angeeignet. Nach dem Frühstück sitzen wir auf der Terrasse herum und lesen erst mal den Cambodia Daily. Dann sitzen wir an den Laptops und arbeiten/sichten Fotos/schreiben Blog-Beiträge. Ab 14 Uhr brechen wir dann ggf. zu Aktivitäten auf. Meist gehen wir zu Fuß, und zwar, wie ich oft das Gefühl habe, als einzige in der Stadt. Hier fährt jeder. Die breite Masse fährt Moped, die ärmeren Fahrrad, die reicheren Auto. Jeder der 2 Mio. Einwohner hat hier einen fahrbaren Untersatz, was wohl auch daran liegt, dass es kein öffentliches Nahverkehrsnetz in der Stadt gibt.

Zu den Aktivitäten der letzten Tage gehörten:
- Den Boeng Kak-See betrachten
- Ins Tuol-Sleng-Gefängnis (Genozid-Museum) gehen
- Shopping
- Kinder füttern auf der Müllkippe
- Olympiastadion besichtigen (nicht dass Phnom Penh jemals die olympischen Spiele gehabt hätte)
- Auf den Markt gehen

Einige Punkte will ich noch ausführlicher behandeln, deshalb hier zunächst ein paar Impressionen aus Phnom Penh.

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Angkor sehen und…

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… löhnen. Wir haben uns mal wieder in das kostspielige Vergnügen gestürzt, die Tempel von Angkor zu betrachten. Zu diesem Zweck hielten wir uns 4 Tage in Siem Reap auf, der Stadt die an die Tempel grenzt.

Wer schon mal in Kambodscha war, würde bemerken, dass sich dort einiges getan hat. Die Straße vom Grenzübergang Poipet nach Siem Reap ist nun komplett geteert und spiegelglatt. Vorbei die Zeiten, da ansässige Bauern in der Regenzeit ein Zubrot verdienen konnten, indem sie mit dem Traktor festgefahrene Touristenbusse aus dem Matsch zogen. Auch Siem Reap Stadt und die Straße nach Kbal Spean ist jetzt vollständig geteert.

In Angkor wird fleißig weiter restauriert, gestützt und gebaut. Teile des Bayon sind gesperrt, und auf die Spitze von Angkor Wat darf man vielleicht nie wieder klettern. An der Westseite des Baphuon Tempels nimmt ein riesenhafter liegender Buddha langsam Gestalt an.

Außerdem hatten wir insgesamt das Gefühl, dass weniger gebettelt wird und vielleicht etwas weniger nachdrücklich die Worte “just one doooollar” ausgesprochen werden. Eine gute Entwicklung, die mitunter auch den überaus stark vertretenen NGOs und Hilfsprojekten zu danken ist.

Unten einige Impressionen, diesmal mit Kommentaren direkt unter jedem Bild.

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