rss
twitter
  •  

Abenteuer Tazara

| Posted in Tanzania |

0

Auf der Strecke Dar-es-Salaam – Kapiri Mposhi haben wir 1860 Kilometer mit dem Zug zurückgelegt. Wir wurden mehrfach gewarnt, offenbar sind die Verspätungen der Tazara-Linie legendär (Verspätungen der Deutschen Bahn sind ein Witz dagegen). Trotzdem haben wir uns nicht abschrecken lassen und stürzten uns ins Bahn-Abenteuer: Dar-es-Salaam – Mbeya – Kapiri Mposhi (Gesamtkosten: ca. 35EUR – daran könnte sich die Bahn ein Beispiel nehmen)

Eine Chronik

Freitag, 15.10.10, Abfahrt in Dar-es-Salaam

Tazara steht für Tanzania Zambia Railway und das länderverbindende Schienensystem samt Bahnhöfen und Zügen wurde in den 70er Jahren von den Chinesen gebaut, ursprünglich als Exportweg für sambisches Kupfer. Die Tazara-Linie hat einen eigenen Bahnhof in Dar-es-Salaam (es gibt noch ein, zwei andere Bahnstrecken in Tansania, die aber von anderen Bahnhöfen abfahren). Die Chinesen scheinen sich indes an der Sowjet-Architektur inspiriert zu haben, als sie die hellblaue würfelförmige Wartehalle konstruierten, die so riesig ist, dass sie verlassen aussieht, selbst wenn sie voll Leute sitzt, und so hoch ist, dass niemand mehr in der Lage ist, die Decke zu putzen. Leider wurde nach der glorreichen Einweihung der Bahnstrecke die Wartung etwas vernachlässigt, was sich beispielsweise in den sanitären Anlagen niederschlägt.

Die Abfahrt in Dar-es-Salaam verspätet sich um 4 Stunden, was kein Grund für schlechte Laune ist. Ich wollte sowieso noch ins Internet-Café und die Cafeteria lädt zum Mittagessen ein (Reis, Spinat, Bananengeschnetzeltes). Die Wartehalle füllt sich zusehends mit Leuten, die ihre bunten Tücher auf dem Boden ausbreiten, um dort zwischen ihren Bündeln, Koffern und Säcken noch ein Nickerchen zu machen. Wir gesellen uns dazu, denn die „First-Class Lounge“ ist abgeschlossen (vermutlich wegrationalisiert).

Pünktlich um 17:00 Uhr öffnen sich die Tore der Wartehalle, und wir strömen alle zum Gleis, wo der lang ersehnte Zug steht, frisch geputzt und bereit für die Fahrt, die planmäßig (netto) etwa 48 Stunden dauern wird.

Samstag, 16.10.10, unterwegs durch Tansania

So stellt man sich Zugfahren vor. Gemütlich mit etwa 40 km/h vorwärtsrattern und dabei die Landschaft vorbeiziehen lassen, die hier im südtansanischen Hochland zerklüftete Hügel, Grasland, niedrige Bäume und hier und da einen mächtigen Baobab zu bieten hat. Am Abend essen wir im Bord-Bistro (Reis mit Hühnchen) und trinken Kilimanjaro-Bier (Wahlspruch: If you can’t climb it, drink it). Danach lassen wir uns in unseren Bettchen auf der oberen Etage des 4er-Schlafwagens in den Schlaf rütteln. Morgens bekommen wir Milch-Tee und Toast mit Ei ins Abteil geliefert, wir fahren ja schließlich erste Klasse. Wir haben festgestellt, dass die Abteile geschlechtergetrennt belegt werden. Unsere Abteilgenossin hat ihren Mann dabei, der muss allerdings woanders nächtigen. Er kommt ab und zu vorbei, dann streiten sie über irgendwas (vielleicht ist die Separation gar nicht so schlecht). Um der dicken Luft zu entkommen, gehen wir wieder ins Bord-Bistro und unterhalten uns mit den beiden anderen Touristen, die recht interessante Geschichten zu erzählen haben. B. kommt aus Deutschland und arbeitet jetzt als Zimmermann auf einer kleinen Insel vor Mosambik, von der er uns permanent vorschwärmt. A. kommt aus Spanien und hat die letzten Jahre für „Ingenieure ohne Grenzen“ in Nicaragua Wasserprojekte gemacht. So fliegen die Stunden dahin, bis wir nach ziemlich exakt 24 Stunden Fahrt pünktlich in Mbeya ankommen.

In Mbeya machen wir Zwischenstation. Wir haben hier zum ersten Mal erfolgreich einen Couchsurfing-Aufenthalt organisiert bei zwei Deutschen, die als Freiwillige in einer Schule Computer-Unterricht geben. Das interessiert uns, und die beiden erweisen sich auch als sehr nette Gastgeber. Wir haben endlich mal die Chance, etwas zu kochen (Reis, Auberginen-Tomaten-Gemüse und Avocadosalat), was nach der Fleisch-Diät im Zug sehr erfreulich ist. So verbringen wir die Tage bis zur Abfahrt des nächsten Zuges bei M. und F., die uns die Sehenswürdigkeiten von Mbeya zeigen, zum Beispiel den Markt, wo man Second-Hand-Klamotten aus Europa in super Zustand für sehr wenig Geld kaufen kann. Mbeya ist eine der größten Städte Tansanias, aber das merkt man ihr nicht an. Breit, weit, aber nicht hoch, wirkt sie ziemlich provinziell.

Wir besuchen auch den Bahnhof von Mbeya, um uns ein Ticket für die Weiterfahrt zu kaufen. Der Bahnhof ist so ausgestorben wie eine 50er Jahre-Bauruine, das liegt aber nur daran, dass an diesem Tag kein Zug fährt (es fahren zwei Züge pro Woche durch). Ob der Bahnbeamte uns nicht ganz verstanden hat oder es andere Hürden gibt, ist nicht mehr nachvollziehbar, jedenfalls bekommen wir nur ein Ticket bis zur Grenze, und auch nur 3. Klasse.

Mittwoch, 20.10.10, planmäßige Abfahrt aus Mbeya

Der nächste Zug fährt gemäß Plan vier Tage später und wir finden uns pünktlich um 12:00 Uhr am Bahnhof von Mbeya ein. Ein paar Kanadier begrüßen uns herzlich, können uns aber keine Infos zu unserem Zug geben, weil sie auf den Zug in die andere Richtung nach Dar-es-Salaam (14:00 Uhr) warten. Natürlich finden wir nach kurzer Recherche heraus, dass wieder eine Verspätung von etwa 4 Stunden anliegt, aber das hatten wir als nunmehr alte Zugfahrhasen ja schon mit eingeplant und machen noch einen Abstecher in die Stadt zwecks Essen und Internet. Zurück am Bahnhof sind die Kanadier immer noch am Warten. Unser Zug rollt nach kurzer Zeit ein. Wir beziehen die 3. Klasse, die sogar recht komfortabel ist mit Sitzen etwa wie im Inter-City 2. Klasse plus Fernseher. Die Fahrt bis zur Grenze dauert ja nur 4 Stunden. Danach können wir ja in die 1. Klasse wechseln. Aber – der Zug fährt nicht ab. Was ist los?

Auf der Strecke habe es einen Unfall gegeben. Man könne nicht losfahren, solange die Unfallstelle nicht geräumt ist. Der Zug in die andere Richtung komme auch nicht durch.

Schön. In diesem Fall quartieren wir uns zunächst mal in ein leeres 2. Klasse Schlafwagenabteil ein und legen uns hin. Am nächsten Morgen blinzeln wir im ersten Sonnenlicht nach draußen und sehen – immer noch den Bahnhof von Mbeya. Darunter die Kanadier, die wenig erholt am Gleis sitzen.

Gegen 9:00 Uhr trifft ein Wartungszug mit müde aussehenden Arbeitern ein. Kurz darauf fahren wir los.

Donnerstag, 22.10.10, On the rail again

Na also, alles läuft wie am Schnürchen. Wir kutschieren durch die nunmehr eher flache und trockene Landschaft Tansanias, haben ein 2. Klasse-Abteil für uns allein und endlich mal Zeit, die GEO von vorne bis hinten zu lesen. Nun plagen uns nur noch 3 Probleme:
1. Ein deutscher Tourist, der uns jedes Mal auf dem Gang abgreift (Typ: Rentenalter, komplette Safarimontur, mit Reiseerfahrung, die er uns in Form von Tipps wie „ich buche ja immer 2. Klasse, da lernt man die interessanten Leute kennen“ oder „da müssten Sie mal die Züge in Kenia sehen, da ist Kaffee trinken wie Zähneputzen“)
2. Zunehmender Wassermangel, einmal zum Waschen (wenn das Wasser für die sanitären Anlagen aufgefüllt wird, ist es immer innerhalb weniger Stunden alle) und einmal zum Trinken (unsere Vorräte sind aufgebraucht, und im Restaurant gibt es nur Halbliter-Flaschen zu recht hohem Preis)
3. Geldmangel, denn zum einen haben wir unsere ganzen Schillings schon in Kwachas getauscht, in der irrigen Annahme, dass wir am selben Abend noch in Sambia ankämen. Zum anderen ist es auch noch viel zu wenig, um unsere drei Mahlzeiten pro Tag zu bestreiten.

Aber für alle Probleme gibt es eine Lösung – der Deutsche verrät uns im Vertrauen „ich wasche mich ja immer an dem Reservoir außen am Zug, wenn er steht“, was unser Wasserproblem eindämmt. Geld tauschen wir im Zug zu einem gerade noch akzeptablen Kurs. Dafür schleicht sich ein 4. Problem in unser unbeschwertes Bahnleben, oder besser, es haut uns den Kaffee aus den Tassen – gegen 14:30 springt ein Waggon aus den Gleisen. Stillstand. Leute springen heraus, schauen sich das Unglück an, beraten, telefonieren.

Der Deutsche kommt von der Unfallstelle zurück: „ich hab denen gesagt, die sollen die hinteren Waggons abkoppeln“. Ein Glück haben wir ihn dabei. Allein wären die sicher nicht auf die Idee gekommen.

Er führt weiter aus: „Ich hab mir Mittagessen bestellt, was soll man sonst machen. Naja, ich wär ja ins Restaurant gegangen, aber man hat mir davon abgeraten, das Abteil zu verlassen. Hier herrscht ja gerade Hungersnot. Und die Typen in meinem Abteil gefallen mir auch gar nicht.“

Nach einer Stunde fahren wir weiter, nachdem die die Erstklässler von hinten in die vorderen Waggons migriert sind und die hinteren Waggons abgekoppelt sind.

Wir rattern durch die trockene Landschaft, an Dörfern vorbei, winken den winkenden Kindern zurück und fragen uns, ob sie Hunger haben? Der Deutsche ist sicher und wirft einige 500-Schilling-Noten aus dem Fenster.
Leider währt die Fahrt nur kurz. Am Bahnhof von Tunduma halten wir an. Es ist der Grenzort nach Sambia.

Die Nacht

Wir stehen am Bahnhof von Tunduma. Die Grenze ist in Sichtweite und doch unerreichbar, zumindest für unseren Zug, dem momentan die Lok fehlt. Wann man weiterfahren könnte, ist nicht sicher, aber man weiß, dass es „lange“ dauern wird (ein afrikanisches „lange“). Ich steige aus dem Zug, um die Zähne zu putzen. Sämtliche sanitäre Anlagen sind so trocken wie das tansanische Buschland kurz vor der Regenzeit, aber – wie ein tansanischer Buschlandbewohner – weiß ich, wie an Wasser zu kommen ist. Man muss nur die Wassertonne unter dem Zug finden. Ich drehe den Hahn auf und das Wasser sprudelt glucksend heraus. Es ist eine helle Nacht. Ein fast voller Mond steht senkrecht über dem Zug, dessen Insassen zumeist schon in den Schlaf gefallen sind, einige lautstark schnarchend. In der Ferne liegt der Ort Tunduma, dem in unserem Reiseführer keine Zeile gewidmet ist, außer in der Sektion über Grenzübergänge (Tansania-Sambia, geöffnet 9:00 – 18:00 Uhr). Wie üblich in Tansania, gibt es keinerlei Straßenbeleuchtung. Die Häuser der Wohlhabenderen sind mit kleinen Neonröhren bestückt, die in der Ferne funkeln wie Sterne. Das Wohnviertel, das sich an den Hang unter der Bahntrasse schmiegt, beherbergt offenbar keine Reichen. Die kleinen Häuser liegen vollkommen still und dunkel, und das Mondlicht lässt ihre Wellblechdächer silbern glänzen.

Freitag, 22.10.10, Am Morgen

Wie Seegurken schmiegen sich unsere schlafbesackten Körper an die Bettliegen, als die Tür des Abteils unsanft geöffnet wird mit einem durchdringenden Morgengruß „Immigration Zambia!“ Ein kurzer Blick aus dem Fenster ergibt, dass wir immer noch in Tunduma stehen. Die Einreisebeamten drücken uns ihre Stempel in die Pässe. Endlich wieder offiziell (nachdem wir schon beim Einstieg in Mbeya ausreisegestempelt worden waren, befanden wir uns die letzten 39 Stunden im Nirgendwo).

Freitag, 22.10.10, nirgendwo zwischen Makasa und Mpika

Auf einer solchen Fahrt kann man ansatzweise ermessen, wie unermesslich Afrika ist. Irgendwo in Sambia fahren wir stundenlang durch Buschland, ohne viel mehr als ein paar strohgedeckte Hütten zu sehen, die wie Pilze in der Landschaft stehen.

Immer wieder sehen wir Rauchschwaden, schlägt uns die Hitze von Buschfeuern ins Gesicht, die jetzt gegen Ende der Trockenzeit gelegt werden, um nährstoffreichen Boden für die kommende Wachstumsphase zu gewinnen. Die Feuer verzehren nur Laub und trockenes Gras. Die Bäume, die schon junge hellgrüne Blätter ausgetrieben haben, bleiben unversehrt.

Ab und zu halten wir an einer kleinen Ortschaft an. Dort haben sich die Hütten zu größeren Gruppen zusammengerottet, plus einige Betonhäuser mit Wellblechdächern. Autos, geteerte Straßen, Industrie, sucht man hier vergebens. Ob es hier Elektrizität gibt? Kann ich mir nicht vorstellen. Also kein Fernsehen? Aber wie laden sie ihre Handys auf? Vielleicht haben sie einen Generator im Dorf. Oder – keine Handys? Nein, soweit wollen wir nicht denken, wir sind ja hier nicht in der Steinzeit. Wie nach kurzer Zeit ein Sendemast mit Sat-Schüsseln und Handy-Antennen beweist.

Samstag, 23.10.10, Ankunft in Kapiri Mposhi

Die Endstation Kapiri Mposhi erreichen wir um 4 Uhr nachts. Die Zugbegleiterin weckt uns. Schlaftrunken sammeln wir unsere Habseligkeiten ein. Der Deutsche warnt uns vor Taschendieben: „ich habe ja mein Geld immer unter dem Hemd, da müssen die erst mal ran kommen“. Aber die erwartete Massenhysterie bleibt aus. Offenbar sind selbst die Taschendiebe beim Warten eingeschlafen. Auf dem Parkplatz stehen nur ein Bus und ein paar Minibusse. Der Deutsche kommt uns entgegen: „ich hab hier schon eingecheckt, ich nehme ja immer den großen Bus. Kostet 40.000 Kwacha“. Brav folgen wir in den großen Bus und hoffen auf eine schnelle Fahrt nach Lusaka. Nur fährt der Bus nicht ab. Die Einheimischen checken es zuerst – es sind nicht alle Plätze besetzt und ein halbvoller Bus fährt in Afrika nicht. Die Chancen stehen nicht gerade rosig, dass um 4 Uhr morgens in diesem Kaff noch irgendjemand auf die Idee kommt, nach Lusaka fahren zu wollen. Also steigen die Leute aus und in den Minibus nebenan ein, der fast voll ist. Jetzt erkennt auch der Deutsche seine Chance, und er ergreift sie – schnappt sich den letzten Sitz im Minibus und ward nicht mehr gesehen. Zurück bleiben wir, drei Amerikanerinnen und zwei einheimische Frauen. Wir müssen den zweiten Minibus nehmen und für die leeren Sitze aufkommen – 85.000 Kwacha pro Person. Wenigstens hält der dann unterwegs nicht mehr an…

Samstag, 23.10.10, 9:00 Uhr: Ankunft in Lusaka

Endlich! Wir sind wohlbehalten angekommen. Außer einem hübschen Bluterguss am Oberarm (das Schiebefenster hatte sich gelöst, während ich Mantafahrermäßig am Fenster saß) habe ich keine Blessuren davongetragen. Und Dianas anfängliche Magenverstimmung hat sich in der frischen Zugluft kuriert.

Get the flash player here: http://www.adobe.com/flashplayer

Comments are closed.