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Das Traumschiff

| Posted in Allgemein |

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Ich stehe am Hafen von Makassar auf einer überdachten Terrasse und warte auf die Ankunft der Tilongkabila, einem Passagierliner der Pelni-Flotte, der im 2-Wochen-Takt die Strecke Benoa (Bali) – Bitung (Nord-Sulawesi) bedient. Draußen schüttet es gerade aus Eimern, was für die Jahreszeit ungewöhnlich ist, denn wir sind in der Trockenzeit (man munkelt etwas von Klimawandel). Da ich die einzige „Weiße“ weit und breit bin, stehen etwa 15 Leute um mich herum, und einige sprechen mit mir. Woher, wohin, warum. (Woher: aus Bali. Wohin: nach Manado. Warum nicht mit dem Flugzeug: weil.) Ich erwähne, dass meine Freundin früher losgefahren und bereits auf dem Schiff ist, dass ich sie hier treffen möchte, und nun halten 15 Leute Ausschau nach Diana. Schließlich mit Erfolg.

Diana ist froh, einen Landgang machen zu können, denn während der 2-tägigen Überfahrt von Bali nach Makassar hatte sie sich praktisch nicht bewegen können, weil das für 1000 Personen ausgelegte Schiff zeitweise mit 2000 Leuten „leicht“ überfüllt war. Glücklicherweise jedoch hat sie sich gleich mit der Crew angefreundet und bewohnt nun die Kabine des 1. Ingenieurs, während mir bei meiner Ankunft das Schlafzimmer des Chefingenieurs zugeteilt wird. Der Chefingenieur heißt Paulus (er ist Christ und kommt aus Yogyakarta). Er sieht in seiner Latzhose wie ein dicker Teddybär aus. Paulus hat mir seine Schlafkabine überlassen im Austausch für tägliche Englisch-Konversation. Mit brennendem Interesse lauscht er meinen Erzählungen aus Deutschland und fragt mich über alles Mögliche aus, vom Wetter über das Sozialsystem bis zur Funktionsweise unserer Heizungen. Er hofft, dass er bald einmal für seine Firma nach Deutschland fahren kann und findet es etwas schade, dass ich nichts über Papenburg an der Ems berichten kann, dem Ort wo die Tilongkabila gebaut wurde.

Ich bin erkältet und verbringe den ersten Tag schlafend und schniefend im Bett. Am zweiten Tag traue ich mich raus. Alle schauen mich neugierig an. Das muss wohl daran liegen, dass sonst keine Touristen an Bord sind, oder auch daran, dass ich Chili-Pflaster auf die Schläfen geklebt habe (hilft angeblich gegen Erkältung). Die Tilongkabila läuft gerade (tuut tuut) in den Hafen von Bau Bau ein, und ich schaue zu, wie die Leute draußen eine Gangway an die haushohe Schiffswand heranschieben. Viele Träger in Blaumännern helfen dabei, richten aus, korrigieren. Dann öffnet sich der Bauch des Schiffs und die ersten Träger stürmen unter lautem Gejohle an Bord. Scheint, als sei ihnen ein Job sicher.

Aus den Lautsprechern schallt eine Durchsage über das Schiff: Sehr geehrte Fahrgäste, heute empfiehlt die Cafeteria Ayam Bakar KFC (Hühnchen nach KFC Art) oder Bakso (Suppe mit Fleischbällchen). Wir haben uns schon mit den Jungs von der Cafeteria angefreundet. Wenn wir kommen, geben sie uns einen Tee aus. Dede kommt aus Bandung (das „Paris von Java“) und hat innen braune, außen blaue Augen. Ali ist vom Volk der Bugis, ein Seefahrervolk aus Süd-Sulawesi und früher gefürchtete Piraten. Sogar der Ausdruck Bogieman kommt von der der legendären Grausamkeit dieses Volkes. Ali sieht aber ziemlich harmlos aus. Sam kommt aus Tanah Toraja, einer sehr ursprünglichen Gegend in Zentral-Sulawesi, wo die Leute Häuser wie Schiffe bauen und einem seltsamen Totenkult frönen (dazu später mehr). Meines Wissens nach hat Sam jedoch keine tote Oma zuhause sitzen.

Das Bordleben entwickelt seinen eigenen Rhythmus. Nachdem wir die Cafeteria auf Deck 7 besucht haben, laufen wir eine Runde über Deck 6, an der Moschee und dem Film-Theater vorbei (heute: Prince of Persia). Dann runter auf Deck 5 und rein in die Ekonomi Class im Innern des Schiffes (das wäre normalerweise unser Los gewesen, Matratzenlager mit 50 Mann ohne nennenswerte Belüftung). Vorbei am Gemischtwarenladen (Obst, Kleider, Spielsachen etc.) und dann wieder rauf auf Deck 6, auf einer Bank niederlassen und lesen oder das Meer und die Küste betrachten. Zwischendurch schlurfe ich in die Kabine und finde ein leckeres Essen vor, das der Zimmerservice für mich dagelassen hat. Abends sitze ich mit Paulus auf der Couch und schaue Fernsehen, entweder die Fußball WM oder seine Lieblingssendung Termehek-mehek, die vom Wiederfinden verlorener Familienmitglieder handelt.

Wenn wir draußen sind, dauert es meistens nicht lange, bis sich jemand dazugesellt. Mancher kann englisch, wie Ketut aus Bali, der in einem Hotel arbeitet und in Sulawesi seine Schwiegereltern besucht. Er diskutiert mit uns die Probleme mit seinem 16-jährigen Sohn, der oft die Schule schwänzt, aufmüpfig ist und ewig am Computer hockt. Er ist überrascht, als wir ihm versichern, dass Eltern in Deutschland in etwa die gleichen Probleme haben.
Die meisten Passagiere, die mit uns reden wollen, können jedoch kein Englisch, und so muss ich alles geben, um aus meinem bescheidenen Vokabular in Bahasa Indonesia Konversation zu machen. So erfahre ich interessante Dinge. Zum Beispiel, dass es Taschendiebe an Bord gibt, vor allem aber im Hafen von Bima (Sumbawa). Oder dass man in meinem Alter echt verloren hat, wenn man noch nicht verheiratet ist und Kinder hat. Ich muss erzählen, wo ich Bahasa Indonesia gelernt habe. Auf Bali. Oh – Bali. Da waren die meisten noch nicht, aber sie wissen, dass es dort Nachtleben und Drogen gibt, und außerdem Geisterbeschwörung und „Black Magic“. Das mag wohl sein. Aber wir haben dafür „White Magic“. Alle sind von uns verzaubert und wollen uns mit ihren Handykameras knipsen.

Paulus ruft mich. Er hat arrangiert, dass ich auf die Brücke kommen darf. Dort schüttelt mir Käptn Mohammad Djahuri die Hand, und ich kann zuschauen wie er und seine Crew das Schiff in den Hafen von Luwok steuern, der so klein ist, dass nur ein Schiff darin Platz hat. Der Käptn sagt „sepuluh kiri“ (10 links) und die Crew ruft „sepuluh kiri!“ und betätigen irgendwelche Instrumente. Für mich das reine Wunder, dass dieser Riesenhaufen Stahl schließlich langsam andockt, ohne irgendetwas zu zertrümmern.

Am Abend des dritten Tages schauen wir uns von der Cafeteria aus die Einfahrt in den Hafen von Gorontalo an. Es ist 22:00 Uhr und längst dunkel. Vom Festland hören wir viel Geschrei, können aber nicht erkennen, wieso. Komisches Volk hier. Außerdem fahren sie hier mit seltsamen Gefährten, die aussehen wie Becaks (Fahrradrikscha), aber mit einem Moped bestückt sind. Daher heißen sie Bentor, von Becak und Motor. Dede versichert, dass es diese Gefährte nur hier in Gorontalo gibt, sonst nirgendwo. Toll, dass man in einer Stadt, deren Namen ich bis gestern nicht kannte, ein eigenes Verkehrsmittel erfunden hat. Überhaupt ist es zwar verwirrend aber auch schön, dass der öffentliche Nahverkehr in Indonesien, der größtenteils aus Becaks und Bemos (Sammeltaxis) besteht, noch so un-globalisiert ist. An jedem Ort heißen die Gefährte anders und sie sehen auch immer etwas anders aus.

Am vierten Tag ist die Reise schon zu Ende. Schade! Wo wir uns grade dran gewöhnt hatten. Über eine wackelige Treppe wanken wir aufs Festland. Paulus winkt uns hinterher. Er und seine Leute müssen die Maschine überholen, und am nächsten Tag fahren sie wieder zurück nach Bali. Diana und ich winken zurück und machen uns auf nach Manado, wo die Bemos Microlet heißen.

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Comments (4)

Oh ja!! Schiffchen fahren! Das hätte mir auch gefallen!
Schöne Geschichte! War sicher gemütlich!
Ich schick Euch ne dicke Umärmelung, Ihr lieben!
Herzelige Grüße aus Tschörmänie!

Endlich mal wieder die Stimme aus dem Off! Habe dich schon vermisst… VLG aus Bali

Ja… war ein büßchen stressig in letzter Zeit…
Aber Sonntag bin ich an Ort und Stelle im Haus von Klaus, um mal wieder ein wenig zu plappern ;-)
Freu mich!

[...] an anderer Stelle erwähnt wurde, bin ich ein großer Fan lokaler Privat-Nahverkehrssysteme, weil das Reisen mit [...]