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Letzte Tage in Südafrika

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Südafrika ist ein wunderschönes, aber nicht ganz unbeschwertes Land. Es leidet unter einem Graben zwischen Arm und Reich, der so weit wie kaum anderswo klafft.

Da ist die westlich geprägte Mittelschicht, in der man sich ganz wie in Deutschland fühlt.
Man hat studiert, man arbeitet in Konzernen, man wohnt in einer hübschen von Elektrozaun umgebenenen Trutzburg (auch Wohnsiedlung genannt) und fährt ein Auto deutscher Marken. Am Wochenende bevölkert man Restaurants und Kneipen und erzählt Freunden von dem letzten Wochenendtrip nach Mosambik mit dem Billigflieger.

Da ist auch die Unterschicht, jene Masse von Menschen, die in endlosen Wellblechsiedlungen wohnt. Sie haben keine Ausbildung, finden keine Arbeit und fristen ihr Leben in Armut oder versuchen sich in Gewaltverbrechen.
In der Stadt trifft man sie als Bettler oder als Verkäufer von Zigaretten, Süßigkeiten, Gürteln oder Staubwedeln an den Ausfallstraßen. Manche treten der Auto-Bewachungs-Mafia bei. Möchte man in eine beliebige Parklücke in der Stadt einparken, rennen diese mit gelben Signalwesten bekleideten Typen herbei und winken einen in die Lücke. (Das hat nichts damit zu tun, dass man als Frau mutmaßlich nicht einparken kann. Bei Männern tun sie es auch.) Verlässt man die Parklücke wieder, winken sie einen wieder heraus. In der Zwischenzeit haben sie es vor Dieben beschützt.
Beim Ausparken kann es zu Konflikten kommen, wenn nun z.B. ein anderer Parkwächter herbeieilt und die zwei Rand einstecken will, die dem ersten zugestanden hätten. Dann muss man dafür sorgen, dass das Geld gerecht und an den Richtigen verteilt wird, denn wenn man unangenehm auffällt oder überhaupt nicht zahlt, kommt das Auto auf die schwarze Liste. Dann wird es beim nächsten Mal zerkratzt.

Südafrika hat also soviele Probleme wie Bevölkerungsgruppen, und noch mehr. Aber Südafrika ist auch das Land, in dem wir so tolle Freunde gefunden haben wie in keinem anderen. Die Gastfreundschaft, die wir bei Fumane, Lethlo, Pfukani, Jeanne und Hannes erlebt haben, hat uns ein wirklich traumhaftes Ende unserer langen Reise beschert. Die weißen ‘Afrikaner’ haben uns über die Unzulänglichkeiten der Schwarzen aufgeklärt. Mit den Schwarzen haben wir über die Weißen gelästert. So haben auch wir unser Teil zur Völkerverständigung beigetragen.

Jetzt stehen wir vor dem Ende der Reise (morgen fliegen wir nach Hause).
Viele Geschichten sind noch nicht erzählt, u.a. die Geschichte von unserem Farm-Aufenthalt. Deshalb wird dieses Blog vielleicht noch eine Weile weiterleben.

Trotzdem schicke ich schon mal hinaus in die Welt:
Ich wünsche euch allen wunderbare Weihnachten und ein glückliches neues Jahr 2011!

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Südafrikanische Farbenlehre

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Südafrika wird auch die Rainbow Nation genannt. Warum? Hat man jemals grüne oder orange-farbige Menschen dort gesehen? Oder bezieht man sich dabei auf die farbenfrohe Vogelwelt? Oder ist man einfach besonders gay-friendly?

Nein – gemeint sind die zahlreichen südafrikanische Völker, die für ein buntes Chaos sorgen, auch wenn der Regenbogen eher monochrom ausfällt.

In meinem Wunsch, stets politisch korrektes Verhalten an den Tag zu legen, war ich anfangs manchmal verwirrt, zumal in anderen afrikanischen Ländern eher wenig über Farben gesprochen wird (da ja alle schwarz sind – wer würde in Deutschland sagen “und da hat mich so ein Weißer dumm angemacht”?)

Um hier also Klarheit zu schaffen, werde ich im Folgenden die verschiedenen Südafrika bewohnenden Volksgruppen gemäß ihrer Hautpigmentierung vorstellen.

Schwarze

Schwarze sind eigentlich nicht schwarz. Sie sind braun (außer sie kommen aus Senegal, dann sind sie schwarz, aber Ausländer zählen hier nicht). Schwarze können heller als Farbige (siehe: Farbige) sein, bleiben aber trotzdem Schwarze. Mit Schwarzen fasst man die verschiedenen ethnischen Gruppen zusammen, die in Südafrika waren, bevor die Weißen alles durcheinander gemacht haben. Das heißt nicht, dass die Schwarzen nicht schon vorher selbst alles durcheinander gemacht haben. Nur hat das für uns keine Bewandnis, weil sie ja alle irgendwie gleich aussehen, oder wer erkennt schon einen Xhosa von einem Zulu von einem Ndebele oder Khoisan oder gar Mischungen davon.

Schwarze Männer ziehen sich im Allgemeinen gut an. Sie lieben leuchtende Farben wie pink und türkis und glitzernde Ohrstecker (vielleicht damit man sie im Dunkeln besser sieht?). Schwarze Frauen sind schlau, emanzipiert und haben qualifizierte Jobs, weshalb haben sie heutzutage wenig Verwendung für die notorisch untreuen Männer haben. Aber ab und zu werden sie dennoch schwach, weil die Männer wahnsinnig gut tanzen und auf die süßeste Art “Baby” sagen können.

Schwarze essen am liebsten Hähnchen. Ab und zu greifen sie zur Abwechslung auch mal zu Steak, Rippchen, Burger oder Ochsenschwanz. Sogar vor Schafsköpfen und Magenwänden machen sie nicht halt. Frei nach dem Motto, wenn es vom Tier ist, ist es immer noch besser als Gemüse. Als einziges freiwilliges Zugeständnis an die Pflanzenwelt und in Erinnerung an ihre afrikanischen Wurzeln essen die Schwarzen zu ihrem Fleisch mit Soße einen Klatscher Pap (Maispamp, auch unter den Namen Nshima oder Ugali in anderen afrikanischen Ländern bekannt).

Schwarze Kultur manifestiert sich in Fast Food-Ketten wie Nando’s (Hähnchen), Steers (Burger) oder Spur (Steaks). Manche Touristen fahren auf der Suche nach dem “echten Afrika” auch in die Township, wo die weniger wohlhabenden Schwarzen sich zu Hiphop-Musik aus dem Ghettoblaster mit billigem Bier auf der Straße volllaufen lassen, was dann gemeinhin als schwarze Kultur verkauft wird. Dabei würden besserverdienende Schwarze dort niemals hinfahren, schon gar nicht mit dem neuen Auto.

Schwarze haben heute einen Vorteil vor Farbigen und Weißen, weil sie früher so benachteiligt waren. Hier heißt es: To BEE or not to BEE. Das Black Economic Empowerment sorgt für die Einhaltung einer Schwarzen-Quote in Unternehmen. Manche weißen Firmenbosse (siehe: Weiße) haben darauf keinen Bock. Dann stellen sie zwar Schwarze ein, lassen sie aber die Position nicht ausüben oder halten ihnen Informationen vor. So ausgebremst, bleibt den Schwarzen nichts anderes übrig, als den ganzen Tag auf Facebook mit Freunden zu chatten.

Schwarze lieben Fußball, und sie schwärmen noch immer von der WM, wo sie der Welt zwar nicht ihre sportliche Überlegenheit, aber ihre außerordentliche Feierlaune und Virtuosität beim Vuvuzela-blasen unter Beweis stellen konnten.

Farbige

Warum Mischlinge aus Weißen und Schwarzen nicht Graue heißen, ist eines der Mysterien Südafrikas. Stattdessen heißen sie Farbige, und es gibt davon nicht gerade wenige, was auf einen Frauenmangel in Zeiten der ersten weißen Siedler schließen lässt.

Seit die Weißen ihre Frauen nachgeholt haben, wurden keine Farbigen mehr produziert, und die Farbigen haben sich fortan untereinander weitervermehrt. Daher haben Farbige nunmehr ihre ganz eigene Kultur, und sie sprechen sogar Afrikaans mit ihrem ganz eigenen Akzent.

Was in den Farbigen so genau “drin” ist, weiß heute keiner mehr. Manche sehen mehr wie dunkle Asiaten aus, manche wie dunkle Europäer, manche wie dunkle Araber. Schwarze sagen zu ihnen, wenn sie politisch inkorrekt sein wollen, “Null-Komma-Fünfs”.

Farbige essen am liebsten Fish & Chips, und deshalb betreiben sie auch oft Fischgeschäfte. Sie haben meistens schlechte Zähne. Dachte ich zumindest – bis ich aufgeklärt wurde, dass die goldenen Zahnzwischenraum-Füllungen zur Zierde gemacht werden, nicht aus dentaler Notwendigkeit. Und dass sie sich sogar die Schneidezähne absichtlich ziehen. Die farbigen Männer finden, dass Frauen mit großen Zahnlücken ein schöneres Lächeln haben und besser küssen. Der Nachteil ist, dass sie nicht mehr kraftvoll in einen Apfel beißen können, aber das stört sie nicht, weil sie Fisch essen.

Gelbe (Chinesen)

Man könnte sich fragen, was wollen Chinesen in Afrika? Haben sie nicht genügend Platz in China und einen zweistellig wachsenden Binnenmarkt? Aber tatsächlich gibt es eine große Gemeinschaft von Chinesen in Süd- (wie auch im übrigen) Afrika. Immer da, vo es ein Geschäft zu machen gibt. Chinesen versorgen den Markt mit billigen Plastikhandtaschen, Synthetikwolldecken, Elektronik und anderen bunten, nützlichen Gütern, die sie in neonbeleuchteten Shops mit so wohlklingenden Namen wie “The Great Wall” anbieten.

Die Ladentheke ist immer extra hoch und dahinter steht der Chinese auf einem Podest – wie in einer Kanzel – und beobachtet mit scharfem Blick, wie sich die armen Schwarzen um den Sonderposten Plastik-Bilderrahmen schlagen. Ständig bereit zu intervenieren, falls einer etwas einzustecken versucht. Auch kann er so beim Abkassieren besser auf die Schwarzen hinunterblicken. (Vielleicht weil der Chinese von Natur aus kleiner ist?)

Die Chinesen haben beim Geschäfte machen den Vorteil, dass sie keinerlei Missionierungsdrang haben. Sie wollen keine bessere Welt erschaffen, oder ihre reiche chinesische Kultur promoten. Sie bieten einzig und allein das, was der Massenmarkt will. Das ist übrigens auch in Deutschland so, oder warum versucht kein einziger Chinese, in Deutschland ECHTE chinesische Küche anzubieten? Aus demselben Grund verkaufen die Chinesen auch hier Pap mit Hähnchen, wenn sie denken, dass es mehr nachgefragt wird als die Sieben Kostbarkeiten. Ihre einzige wahre Leidenschaft ist das Einsammeln von Geld.

Chinesen stehen Schwarzen in ihrer Kultur diametral gegenüber, deshalb vermischen sie sich nie nie NIE mit ihnen.

Übrigens wurden die südafrikanischen Chinesen 2008 als Schwarze eingestuft (wie auch Inder und Farbige), da soll jetzt noch einer mitkommen!

Weiße (Afrikaner)
Die weißen Afrikaner sind eigentlich Holländer, aber das wollen sie nicht wahrhaben. Deshalb nennen sie ihr Holländisch Afrikaans und sie haben extra ein paar Wörter verändert, damit es sich anders anhört. Während der Apartheid wurde Südafrika von vielen Staaten mit Sanktionen bestraft, auch von Holland, was die Weißen, die sich auch Boeren (Bauern) nannten, ziemlich ankotzte. Das haben sie den Holländern nie verziehen.
Noch mehr kotzte es sie an, dass nach Abschaffung der Apartheid die doofen Schwarzen und die blöden Farbigen aus ihren Homelands strömten, um im Stadtpark, in der Mall und im KFC herumzulungern wie jeder andere. Manch ein Afrikaner wünscht sich daher die Rassentrennung zurück, so wie ja auch mancher Deutsche eine Bemerkung fallen lässt wie “die hätten die Mauer besser noch höher machen sollen” (zwischen der deutschen Wiedervereinigung und der Abschaffung der Apartheid liegen nur wenige Wochen).

Manche weißen Südafrikaner sind voll ok, ich hatte nur leider nicht das Glück, welche kennenzulernen. Sie sind nämlich ungefähr so weltoffen wie Schwaben. Sie tauen nur auf, wenn im Fernsehen Rugby kommt, und die Springboks (das Nationalteam) spielen. Dann flippen sie zwar nicht so aus wie die Schwarzen bei Fußball, aber man kann sehen, dass auch sie Emotionen haben und im Grunde Menschen sind wie du und ich.

Schöner Reisen am Okavango

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Der 1430km lange Okavango entspringt in Angola, fließt durch den Kaprivi-Streifen in Namibia und kommt dann nach Botswana. Hier fächert er sich wie eine Palme auf und tränkt mit seinen 18,5 Milliarden Kubikmeter Wasser den Sand der Kalahari-Wüste. Am Meer kommt er niemals an.

Das so entstandene Binnendelta des Okavango ist eine Wasserlandschaft, bestehend aus Lagunen, Sümpfen, Kanälen und Inseln. Es gibt keine Straßen und auch die Wasserwege können nicht zuverlässig befahren werden, weil der Wasserstand ständig schwankt (momentan: niedrig).

Die gute Nachricht ist: das Okavango-Delta ist Natur pur, selbst dort wo kein ausgewiesenes Schutzgebiet ist, gibt es kaum menschliche Störfaktoren. Die schlechte Nachricht: einmalig, schön, schwierig zu erreichen und im ohnehin nicht gerade billigen Botswana gelegen, ist das Okavango-Delta ein Spielplatz für Reiche.

Eine Holländerin, die wir in Livingstone kennengelernt haben, hat eine Tour ins Delta mit ihrem Freund gemacht, der das kostspielige Erlebnis praktischerweise finanziert hat. Man fliegt mit einem Buschflugzeug in die Lodge ein. Dort wohnt man hübsch und komfortabel. Alle Aktivitäten sind inklusive, auch Mokoro (Einbaum) Fahrten und Bushwalks. Das ist schön. Allerdings, so die Holländerin, kann man mit 1000$ pro Tag rechnen. Will man das nicht ausgeben, sagt sie, bleibt nur ein Mokoro-Trip am Rande des Deltas, wo man allenfalls einen faden Abklatsch der atemberaubenden Schönheit des inneren Deltas erhaschen kann.

Mist. Atemberaubend. Und was-nicht-alles. Also gut – wir müssen da hin!

Die Hauptstadt und Startpunkt aller Touren ist Maun. Wir mieten uns in einem netten Camp außerhalb der Stadt ein. Es liegt an einem Wasserlauf, der an dieser Stelle einen Teich bildet – sie nennen ihn Hippo Pool. Als wir bei der Ankunft spät abends durch das Camp laufen, hören wir Nilpferde grunzen. Flughunde flattern um einen Feigenbaum (genaugenommen eine Sykomore, für die botanisch interessierten) herum. Es ist eine gute Einstimmung auf das, was uns hier erwartet.

Am nächsten Tag bleiben wir im Camp. Hier sehen wir erste “Overlanders”, also Leute die mit Autos, meist Geländewagen und Dachzelt o.ä. unterwegs sind. Botswana ist, wie Namibia und Südafrika, Auto-Land. Es gibt keine Backpacker-Kultur wie in Asien. Fährt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ist man der einzige Tourist dort. Dafür gibt es die, die sich als “richtige Männer” verstehen. Sie reden über ihre Abenteuer (”und hab ich die Schlange beim Genick gepackt…”) und trinken schon morgens Whiskey-Sodas an der Bar.

Hier hören wir von Touren ins Delta. Wenn wir ein Motorboot nehmen, ist es durchaus möglich, dahin zu kommen. Das Camp organisiert sogar Camping in der Moremi Wildlife Reserve, also mitten im inneren Delta! Wow – wir können rein!

Am nächsten Morgen fahren wir los. Das Aluminium-Boot ist voll beladen mit Zelten, Camping-Ausrüstung, Vorräten. Wir fahren durch breite Kanäle flussaufwärts. Zunächst passieren wir noch Häuser und Weiden. Kühe und Esel stehen am Ufer oder auch bis zum Bauch im Wasser. Dann passieren wir den sogenannten “buffalo fence”, der Weidetiere aus der geschützten Zone fernhalten soll. Ab hier ist nur noch Natur.

Wir flippen aus, als der erste Elefant gesichtet wird. James, unser Bootsführer, steuert etwas näher ran. Ich sitze gerade vorne am Bug, und möchte eigentlich zurück, um eine Stuhlreihe oder irgendwas zwischen mich und den grauen Riesen zu bringen. Aber die anderen zischen mir zu, ich soll mich nicht bewegen. Der Elefant steht im (für ihn) knietiefen Wasser und gräbt nach Seerosenwurzeln. Er bohrt seine Stoßzähne in den Boden, zieht die weißen Schnüre mit dem Rüssel heraus, schüttelt die Erde ab und stopft sie sich dann in den Mund.

Wir fahren weiter durch die enger werdenden Kanäle, zwischen hohem Schilf und Papyrus, manchmal an kleinen Inseln mit Palmen und Bäumen vorbei. Die Sonne steht hoch am Himmel und es wird heiß. An einer hübschen Stelle steuert James das Boot ins Schilf. Zeit zum schwimmen. Was? Gibts hier nicht Krokodile? Doch doch… aber die halten sich meist in dunklen sumpfigen Gebieten auf. Nicht hier, wo es schön hell ist. Wir schauen hinunter ins goldfarbige klare Wasser, unter dem weißer Sand schimmert. Das wasser soll Trinkwasserqualität haben, es sieht sehr einladend aus. Also springen wir rein. Wundervoll! Das erfrischendste Wasser, in dem ich je geschwommen bin. Es fühlt sich ganz weich an. Der Sand (Quarzsand) ist so seltsam griffig, wie Kristallzucker.

Gegen Nachmittag kommen wir an Chiefs Island an. Es ist die größte Insel im Delta, und sie zieht sich wie eine Landzunge von oben nach unten. Früher konnte man bei niedrigem Wasserstand mit dem Auto auf die Insel fahren, aber seit einigen Jahren blieb der Pegel selbst in der Trockenzeit ziemlich hoch – also kein Wassermangel im Okavango-Delta.

Am Ufer unter hohen Bäumen stehen einige Zelte und Campingstühle, ein Lagerfeuer brennt. Es ist schon jemand zuhause: ein Südafrikaner und zwei britische Kumpels, allesamt gestandene Mitt-Vierziger auf “Männerurlaub”. Deren Bootsführer und ein blonder Jüngling, genannt Snowflake, der diesen “Außenposten” des Camps unterhält. Unser Bootsführer James ist der älteste der Runde. Er ist schon 58, was in Botswana ein gesegnetes Alter ist. Deshalb nennen sie ihn “Madala” (der Alte und Weise).

James unterhält uns mit seinen Geschichten, während auf dem Feuer das Ochsenschwanz-Ragout kocht.

Die Geschichte von James
James kommt ursprünglich aus Maun. Aber, wie viele andere junge Männer, wollte er sein Glück in den Goldminen von Südafrika machen. Er kam 1975 zur damals tiefsten Goldmine Südafrikas (noch heute hat Südafrika die tiefsten Goldminen. Rekordhalter derzeit: TauTona Mine mit 3,9km). Die Arbeit in der Tiefe verlangte den Menschen soviel ab, dass die Betreiber der Mine einen Belastungstest ersannen, den Bewerber bestehen mussten, bevor sie in die Tiefe geschickt wurden. James musste drei Monate lang in einem Blechhäuschen bei 60 Grad jeweils drei Stunden am Stück drei Treppen auf und ab laufen. Er arbeitete schließlich drei Jahre in der Goldmine. Danach hatte er genug vom Erdinneren und kehrte nach Botswana zurück. Er arbeitete dann als Häuter bei einer Jagd-Firma. Tiere, die von den zahlenden Gästen abgeknallt wurden, landeten bei ihm, und er häutete sie, um sie fürs Ausstopfen vorzubereiten. Manchmal brachten sie Paviane. James konnte sie nicht häuten. Ihr Blut, sagt er, riecht wie menschliches Blut. Sie zu töten ist, wie einen Menschen zu töten.

Die Geschichte von Kamanga
Kamanga war der Chief Poler (also der erste Staker) einer Gemeinschaft von Mokoro-Stakern. Eines Tages war er mit Touristen im Delta unterwegs. Der Staker steht immer hinten auf dem Mokoro, davor sitzen die Gäste, einer in der Mitte, einer vorne. Plötzlich hörten sie ein lautes -Bumm!- und einen Schlag gegen das Boot. Als sie sich umdrehten, war der Staker weg. Offenbar hatte ihn ein Krokodil gefressen. Man kann sich vorstellen, wie die armen Touristen in Panik verfielen, ganz allein in dem labyrinthartigen Delta, ohne Staker und auch ohne Stab (wir vermuten mal, dass der Staker diesen in die ewigen Stakgründe mitgenommen hat), und mit der Gewissheit, ein 4 Meter langes Krokodil in nächster Nähe zu haben. Nun, man weiß, dass Krokodile unter anderem deshalb seit Millionen von Jahren auf der Erde überlebt haben, weil sie so verdammt schlau sind. Sie wissen genau, dass in diesen schmalen, leicht zu kenternden Booten leckeres wehrloses Futter hockt. Gezielte Angriffe von Krokodilen auf Mokoros sind daher wiederholt berichtet worden. Bei dieser Geschichte aber geht man nicht von einem Zufall aus. Hexerei, munkelt man. Es gab nämlich gewisse Unstimmigkeiten in der Staker-Gruppe, und vermutlich hat ein Rivale Schwarze Magie bemüht, um sich des ungeliebten Kollegen zu entledigen.

Am nächsten Morgen steht ein Mokoro-Trip auf dem Plan. Super! Wir freuen uns unheimlich, auch mal als Krokodilfutter durch die Kanäle zu gurken. Schon das Einsteigen ist eine wackelige Angelegenheit. Man sitzt tief unten, fast auf Wasserniveau. Die Seitenwände sind hoch. Nur keinen Arm oder Bein rausstrecken. Angeblich ist auch schon Leuten im Mokoro vom Nilpferd das Bein abgebissen worden. Zum Glück sind die Nilpferde heute auf Tauchgang und unser Staker scheint in seinem Dorf einigermaßen beliebt zu sein, jedenfalls wird kein blutrünstiges Monster gesichtet, und wir fahren friedlich und still, genaugenommen ohne einen Mucks (können Krokodile eigentlich gut hören?) durch die wundervolle Wasserlandschaft.

Zurück auf unserer Insel, nimmt James uns mit auf einen Bushwalk. Gleich hinter den Zelten beginnt eine Savannenlandschaft. Wir schärfen die Sinne und schalten auf “Überleben in der Wildnis” Modus. Was tun, wenn ein Tier kommt? James weiß bescheid:
Elefanten sehen nicht besonders gut, haben aber eine feine Nase. Daher gegen den Wind stellen, bzw. zickzack laufen.
Bei Löwe: In die Augen schauen, ggf. schreien
Bei Leopard: NICHT in die Augen schauen, desinteressiert wegschauen, ggf. ein Liedchen pfeifen (Übersprungshandlung)
Bei Büffel: Hinter einen Baum flüchten, besser: auf den Baum klettern
Bei Krokodil: Und tschüs

Dazu noch eine Anekdote: ein renommierter Wildlife-Forscher wurde gefragt, was man tun sollte, wenn man einem Löwen gegenübersteht. Er sagte: “Zuerst steh ganz still. Dann gehe einen Schritt zurück. Heb die Scheiße auf, die am Boden liegt, und wirf sie dem Löwen ins Auge. Dann renn!” “Ja, und woher weiß ich, dass ich am Boden Scheiße finde?” “Wenn direkt vor dir wirklich ein Löwe steht, dann WIRD da Scheiße sein.”

An diesem Abend haben wir den ganzen Zoo um uns. Im Wasser vor uns liegen die Nilpferde und grunzen. In den Bäumen über uns machen die Paviane rabatz. In der Savanne hinter uns wurden Elefanten gesichtet. In der Ferne brüllen die Löwen. So rollen wir uns in unsere Betten ein und lauschen auf die Geräusche Afrikas, bevor wir selig einschlafen. Wie war das nochmal gleich – wenn ein Löwe am Zelt erscheint, soll man sich möglichst tot stellen. Also dem Tier suggerieren, dass kein menschliches Wesen in diesem Zelt ist.

Leider bricht in der Nacht ein Gewitter über uns herein. Wir schlafen nur unter dem Innenzelt, zwecks frischerer Luft. Die Regenhülle liegt draußen. Mist… ich hatte gerade von Löwen geträumt. Aber es hilft nichts. Mit der Taschenlampe kriechen wir raus und ziehen im Wind und den ersten Regentropfen die Hülle drüber. Schnell wieder rein.

Im feuchten Sand finden wir am nächsten Morgen die Fußspuren einer Hyäne, die offenbar unserem Camp einen Besuch abgestattet hat. Was macht man eigentlich bei Hyänen? Denen begegnet man nie, sagt James, die sind viel zu scheu. Wenigstens ein Tier, das weiß, wie man sich anständig verhält.

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Botswana

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Wir sitzen an der Raststätte Nata und warten auf den Anschlussbus nach Maun. Von Kasane nach Nata haben wir 5 Stunden im Bus gesessen und 2 Stunden gewartet (es heisst ja, wenn man nicht gewartet hat, war man nicht in Afrika). Dazu mussten wir zweimal ueber Checkpoints, wo wir mit unserem gesamten Gepaeck aussteigen mussten und dann entweder auf Drogen, Obst (wegen Verbreitung irgendeiner durch Fruchtfliegen uebertragenen Seuche) oder Fleisch (wegen der Maul- und Klauenseuche) untersucht wurden. Es war heiss und trocken und das Buschland, das wir durchquerten – rechts der Chobe National Park, links die Grenze zu Simbabwe – schien endlos zu sein. Der Sonnenuntergang sah aus wie in einem Kitschfilm ueber Afrika (leider konnte ich ihn aus dem Bus nicht fotografieren) und wir sichteten sogar einige Giraffen unterwegs. Der Botswaner (oder wie heisst das?) lachte ueber meine Begeisterung fuer die Tiere. Er sagte, Afrikaner saehen Tiere in allererster Linie als saftige Steaks, und verspuerten bei ihrem Anblick daher den starken Drang, sie zu schlachten. Und ja, man koenne auch Giraffen essen.

Abgesehen davon fühlt sich Botswana (fast) wie Deutschland an. In Kasane haben wir erstmals ein KFC gesehen. Auf dem Rastplatz hier ist es so ordentlich und ruhig wie an einer deutschen Autobahnraststätte. Nirgendwo dröhnt laute R&B-Musik aus einem Lautsprecher. Kein Busfahrer schreit sein Ziel in die Menge und versucht, Fahrgäste in sein Vehikel zu schieben. Die Leute hier riechen nicht, bzw. sie riechen nach Deos und Parfums. Viele sehen so adrett und gut aus, als seien sie einem Werbeplakat entstiegen. Sie fahren Toyota Pickups oder VW Golf.

Ich habe gelesen, dass Botswana eine Erfolgsstory geschrieben hat. Das einst arme Land hat in den 60er Jahren einen richtigen Diamanten-Jackpot gewonnen, und hatte glücklicherweise eine Regierung, die die Erlöse (anders als in Nigeria, in einem Zeitungsartikel als Zombie-State bezeichnet) großenteils in die richtigen Kanäle leitete, wie Bildung und Infrastruktur.

Leider haben sie hier eine der höchsten Aids-Infektionsraten in ganz Afrika. Deshalb frage ich mich, wer von den 50 Leuten, die im Bus saßen, wohl Aids hat? Dabei sahen alle so gesund und gepflegt aus!

Mir fällt auch auf, dass die Leute hier nicht so auf Kontakt mit uns aus sind. Keiner grinst und spricht uns auf der Straße an, wie es in Tansania so oft passiert ist. Daran kann man den Entwicklungsstand eines Landes ablesen. Wie ‚ticken‘ die Leute in einem Land? Wie sind Afrikaner im Vergleich zu Asiaten, im Vergleich zu Europäern? Komischerweise gar nicht so verschieden. Viel stärker wirkt sich aus, wie das Land wirtschaftlich aufgestellt ist. Also: je organisierter, effizienter, reicher, desto westlicher. Je westlicher, desto wir.

Botswana ist schon ziemlich wir. Die Shoppingmalls mit den großen Parkplätzen. Es ist eine Autokultur. Tankstellen sind die Knotenpunkte des Lebens. Man pendelt in die Stadt. Um 17:00 Uhr ist Stau auf der Kaunda Road in Gaborone und dann ärgert man sich, denn man hat es eilig.

Andererseits spiegelt die Atmosphäre auch einen Stolz wider – den Stolz auf die eigene Leistung. Botswana ist nie ernsthaft kolonialisiert worden. Dass Botswana heute besser da steht, als viele andere afrikanische Länder, liegt nicht an Hilfspaketen aus Weltbank, IWF oder Entwicklungshilfe, sondern an dem reichen Potenzial, das im Land und in den Menschen steckt. Sie haben es alleine geschafft.

Ein LKW einer Milchfirma biegt aus dem Rastplatz auf die Straße ein. Hinten klebt ein Sticker: Proudly made in Botswana.

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Ein Fall für sich

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Die Legende von Nyami Nyami

Nyami Nyami ist der Flussgott des Sambesi Flusses. Er sieht aus wie eine Schlange mit Drachenkopf. Er lebt mit seiner Frau in der Kariba Schlucht und kontrolliert das Leben im und am Sambesi-Fluss. Deshalb war er von besonderer Bedeutung für das Volk der Tonga, die jahrhundertelang ziemlich isoliert von der Außenwelt an den Ufern des Flusses wohnten.

1950 wurde das “Kariba Dam” Projekt gestartet. Schweres Gerät und tausende Arbeiter wurden in die abgelegene Region gebracht, um die 1,2 Megawatt-Anlage zu bauen.

Die Tonga wurden umgesiedelt, da die Region bald überflutet werden würde. Sie glaubten jedoch nicht an den Erfolg des Projekts. An der Stelle, wo die Staumauer entstehen sollte, ragte ein Felsen aus der Schlucht, und dort vermuteten die Tonga den Wohnort von Nyami Nyami. Er würde den Bau des Staudamms nicht erlauben.

Im Jahre 1957 schlug Nyami Nyami zu. Die stärkste Flut seit jeher flutete das Tal und zerstörte den erst halb fertiggestellten Staudamm. Die Maschinen wurden weggespült und viele Arbeiter getötet. In den folgenden Jahren erschwerten weitere Fluten die Arbeiten. Trotzdem wurde das Projekt 1960 fertiggestellt, und der Staudamm versorgt seither Sambia und Simbabwe mit Strom.

Die Tonga vermuten, dass Nyami Nyami nun oberhalb der Staumauer lebt, während seine Frau unterhalb gefangen ist. Irgendwann, sagen sie, wird er den Staudamm zerstören.

http://en.wikipedia.org/wiki/The_legend_of_Nyaminyami

Einige Impressionen von den Viktoria-Fällen:

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Abenteuer Tazara

| Posted in Tanzania |

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Auf der Strecke Dar-es-Salaam – Kapiri Mposhi haben wir 1860 Kilometer mit dem Zug zurückgelegt. Wir wurden mehrfach gewarnt, offenbar sind die Verspätungen der Tazara-Linie legendär (Verspätungen der Deutschen Bahn sind ein Witz dagegen). Trotzdem haben wir uns nicht abschrecken lassen und stürzten uns ins Bahn-Abenteuer: Dar-es-Salaam – Mbeya – Kapiri Mposhi (Gesamtkosten: ca. 35EUR – daran könnte sich die Bahn ein Beispiel nehmen)

Eine Chronik

Freitag, 15.10.10, Abfahrt in Dar-es-Salaam

Tazara steht für Tanzania Zambia Railway und das länderverbindende Schienensystem samt Bahnhöfen und Zügen wurde in den 70er Jahren von den Chinesen gebaut, ursprünglich als Exportweg für sambisches Kupfer. Die Tazara-Linie hat einen eigenen Bahnhof in Dar-es-Salaam (es gibt noch ein, zwei andere Bahnstrecken in Tansania, die aber von anderen Bahnhöfen abfahren). Die Chinesen scheinen sich indes an der Sowjet-Architektur inspiriert zu haben, als sie die hellblaue würfelförmige Wartehalle konstruierten, die so riesig ist, dass sie verlassen aussieht, selbst wenn sie voll Leute sitzt, und so hoch ist, dass niemand mehr in der Lage ist, die Decke zu putzen. Leider wurde nach der glorreichen Einweihung der Bahnstrecke die Wartung etwas vernachlässigt, was sich beispielsweise in den sanitären Anlagen niederschlägt.

Die Abfahrt in Dar-es-Salaam verspätet sich um 4 Stunden, was kein Grund für schlechte Laune ist. Ich wollte sowieso noch ins Internet-Café und die Cafeteria lädt zum Mittagessen ein (Reis, Spinat, Bananengeschnetzeltes). Die Wartehalle füllt sich zusehends mit Leuten, die ihre bunten Tücher auf dem Boden ausbreiten, um dort zwischen ihren Bündeln, Koffern und Säcken noch ein Nickerchen zu machen. Wir gesellen uns dazu, denn die „First-Class Lounge“ ist abgeschlossen (vermutlich wegrationalisiert).

Pünktlich um 17:00 Uhr öffnen sich die Tore der Wartehalle, und wir strömen alle zum Gleis, wo der lang ersehnte Zug steht, frisch geputzt und bereit für die Fahrt, die planmäßig (netto) etwa 48 Stunden dauern wird.

Samstag, 16.10.10, unterwegs durch Tansania

So stellt man sich Zugfahren vor. Gemütlich mit etwa 40 km/h vorwärtsrattern und dabei die Landschaft vorbeiziehen lassen, die hier im südtansanischen Hochland zerklüftete Hügel, Grasland, niedrige Bäume und hier und da einen mächtigen Baobab zu bieten hat. Am Abend essen wir im Bord-Bistro (Reis mit Hühnchen) und trinken Kilimanjaro-Bier (Wahlspruch: If you can’t climb it, drink it). Danach lassen wir uns in unseren Bettchen auf der oberen Etage des 4er-Schlafwagens in den Schlaf rütteln. Morgens bekommen wir Milch-Tee und Toast mit Ei ins Abteil geliefert, wir fahren ja schließlich erste Klasse. Wir haben festgestellt, dass die Abteile geschlechtergetrennt belegt werden. Unsere Abteilgenossin hat ihren Mann dabei, der muss allerdings woanders nächtigen. Er kommt ab und zu vorbei, dann streiten sie über irgendwas (vielleicht ist die Separation gar nicht so schlecht). Um der dicken Luft zu entkommen, gehen wir wieder ins Bord-Bistro und unterhalten uns mit den beiden anderen Touristen, die recht interessante Geschichten zu erzählen haben. B. kommt aus Deutschland und arbeitet jetzt als Zimmermann auf einer kleinen Insel vor Mosambik, von der er uns permanent vorschwärmt. A. kommt aus Spanien und hat die letzten Jahre für „Ingenieure ohne Grenzen“ in Nicaragua Wasserprojekte gemacht. So fliegen die Stunden dahin, bis wir nach ziemlich exakt 24 Stunden Fahrt pünktlich in Mbeya ankommen.

In Mbeya machen wir Zwischenstation. Wir haben hier zum ersten Mal erfolgreich einen Couchsurfing-Aufenthalt organisiert bei zwei Deutschen, die als Freiwillige in einer Schule Computer-Unterricht geben. Das interessiert uns, und die beiden erweisen sich auch als sehr nette Gastgeber. Wir haben endlich mal die Chance, etwas zu kochen (Reis, Auberginen-Tomaten-Gemüse und Avocadosalat), was nach der Fleisch-Diät im Zug sehr erfreulich ist. So verbringen wir die Tage bis zur Abfahrt des nächsten Zuges bei M. und F., die uns die Sehenswürdigkeiten von Mbeya zeigen, zum Beispiel den Markt, wo man Second-Hand-Klamotten aus Europa in super Zustand für sehr wenig Geld kaufen kann. Mbeya ist eine der größten Städte Tansanias, aber das merkt man ihr nicht an. Breit, weit, aber nicht hoch, wirkt sie ziemlich provinziell.

Wir besuchen auch den Bahnhof von Mbeya, um uns ein Ticket für die Weiterfahrt zu kaufen. Der Bahnhof ist so ausgestorben wie eine 50er Jahre-Bauruine, das liegt aber nur daran, dass an diesem Tag kein Zug fährt (es fahren zwei Züge pro Woche durch). Ob der Bahnbeamte uns nicht ganz verstanden hat oder es andere Hürden gibt, ist nicht mehr nachvollziehbar, jedenfalls bekommen wir nur ein Ticket bis zur Grenze, und auch nur 3. Klasse.

Mittwoch, 20.10.10, planmäßige Abfahrt aus Mbeya

Der nächste Zug fährt gemäß Plan vier Tage später und wir finden uns pünktlich um 12:00 Uhr am Bahnhof von Mbeya ein. Ein paar Kanadier begrüßen uns herzlich, können uns aber keine Infos zu unserem Zug geben, weil sie auf den Zug in die andere Richtung nach Dar-es-Salaam (14:00 Uhr) warten. Natürlich finden wir nach kurzer Recherche heraus, dass wieder eine Verspätung von etwa 4 Stunden anliegt, aber das hatten wir als nunmehr alte Zugfahrhasen ja schon mit eingeplant und machen noch einen Abstecher in die Stadt zwecks Essen und Internet. Zurück am Bahnhof sind die Kanadier immer noch am Warten. Unser Zug rollt nach kurzer Zeit ein. Wir beziehen die 3. Klasse, die sogar recht komfortabel ist mit Sitzen etwa wie im Inter-City 2. Klasse plus Fernseher. Die Fahrt bis zur Grenze dauert ja nur 4 Stunden. Danach können wir ja in die 1. Klasse wechseln. Aber – der Zug fährt nicht ab. Was ist los?

Auf der Strecke habe es einen Unfall gegeben. Man könne nicht losfahren, solange die Unfallstelle nicht geräumt ist. Der Zug in die andere Richtung komme auch nicht durch.

Schön. In diesem Fall quartieren wir uns zunächst mal in ein leeres 2. Klasse Schlafwagenabteil ein und legen uns hin. Am nächsten Morgen blinzeln wir im ersten Sonnenlicht nach draußen und sehen – immer noch den Bahnhof von Mbeya. Darunter die Kanadier, die wenig erholt am Gleis sitzen.

Gegen 9:00 Uhr trifft ein Wartungszug mit müde aussehenden Arbeitern ein. Kurz darauf fahren wir los.

Donnerstag, 22.10.10, On the rail again

Na also, alles läuft wie am Schnürchen. Wir kutschieren durch die nunmehr eher flache und trockene Landschaft Tansanias, haben ein 2. Klasse-Abteil für uns allein und endlich mal Zeit, die GEO von vorne bis hinten zu lesen. Nun plagen uns nur noch 3 Probleme:
1. Ein deutscher Tourist, der uns jedes Mal auf dem Gang abgreift (Typ: Rentenalter, komplette Safarimontur, mit Reiseerfahrung, die er uns in Form von Tipps wie „ich buche ja immer 2. Klasse, da lernt man die interessanten Leute kennen“ oder „da müssten Sie mal die Züge in Kenia sehen, da ist Kaffee trinken wie Zähneputzen“)
2. Zunehmender Wassermangel, einmal zum Waschen (wenn das Wasser für die sanitären Anlagen aufgefüllt wird, ist es immer innerhalb weniger Stunden alle) und einmal zum Trinken (unsere Vorräte sind aufgebraucht, und im Restaurant gibt es nur Halbliter-Flaschen zu recht hohem Preis)
3. Geldmangel, denn zum einen haben wir unsere ganzen Schillings schon in Kwachas getauscht, in der irrigen Annahme, dass wir am selben Abend noch in Sambia ankämen. Zum anderen ist es auch noch viel zu wenig, um unsere drei Mahlzeiten pro Tag zu bestreiten.

Aber für alle Probleme gibt es eine Lösung – der Deutsche verrät uns im Vertrauen „ich wasche mich ja immer an dem Reservoir außen am Zug, wenn er steht“, was unser Wasserproblem eindämmt. Geld tauschen wir im Zug zu einem gerade noch akzeptablen Kurs. Dafür schleicht sich ein 4. Problem in unser unbeschwertes Bahnleben, oder besser, es haut uns den Kaffee aus den Tassen – gegen 14:30 springt ein Waggon aus den Gleisen. Stillstand. Leute springen heraus, schauen sich das Unglück an, beraten, telefonieren.

Der Deutsche kommt von der Unfallstelle zurück: „ich hab denen gesagt, die sollen die hinteren Waggons abkoppeln“. Ein Glück haben wir ihn dabei. Allein wären die sicher nicht auf die Idee gekommen.

Er führt weiter aus: „Ich hab mir Mittagessen bestellt, was soll man sonst machen. Naja, ich wär ja ins Restaurant gegangen, aber man hat mir davon abgeraten, das Abteil zu verlassen. Hier herrscht ja gerade Hungersnot. Und die Typen in meinem Abteil gefallen mir auch gar nicht.“

Nach einer Stunde fahren wir weiter, nachdem die die Erstklässler von hinten in die vorderen Waggons migriert sind und die hinteren Waggons abgekoppelt sind.

Wir rattern durch die trockene Landschaft, an Dörfern vorbei, winken den winkenden Kindern zurück und fragen uns, ob sie Hunger haben? Der Deutsche ist sicher und wirft einige 500-Schilling-Noten aus dem Fenster.
Leider währt die Fahrt nur kurz. Am Bahnhof von Tunduma halten wir an. Es ist der Grenzort nach Sambia.

Die Nacht

Wir stehen am Bahnhof von Tunduma. Die Grenze ist in Sichtweite und doch unerreichbar, zumindest für unseren Zug, dem momentan die Lok fehlt. Wann man weiterfahren könnte, ist nicht sicher, aber man weiß, dass es „lange“ dauern wird (ein afrikanisches „lange“). Ich steige aus dem Zug, um die Zähne zu putzen. Sämtliche sanitäre Anlagen sind so trocken wie das tansanische Buschland kurz vor der Regenzeit, aber – wie ein tansanischer Buschlandbewohner – weiß ich, wie an Wasser zu kommen ist. Man muss nur die Wassertonne unter dem Zug finden. Ich drehe den Hahn auf und das Wasser sprudelt glucksend heraus. Es ist eine helle Nacht. Ein fast voller Mond steht senkrecht über dem Zug, dessen Insassen zumeist schon in den Schlaf gefallen sind, einige lautstark schnarchend. In der Ferne liegt der Ort Tunduma, dem in unserem Reiseführer keine Zeile gewidmet ist, außer in der Sektion über Grenzübergänge (Tansania-Sambia, geöffnet 9:00 – 18:00 Uhr). Wie üblich in Tansania, gibt es keinerlei Straßenbeleuchtung. Die Häuser der Wohlhabenderen sind mit kleinen Neonröhren bestückt, die in der Ferne funkeln wie Sterne. Das Wohnviertel, das sich an den Hang unter der Bahntrasse schmiegt, beherbergt offenbar keine Reichen. Die kleinen Häuser liegen vollkommen still und dunkel, und das Mondlicht lässt ihre Wellblechdächer silbern glänzen.

Freitag, 22.10.10, Am Morgen

Wie Seegurken schmiegen sich unsere schlafbesackten Körper an die Bettliegen, als die Tür des Abteils unsanft geöffnet wird mit einem durchdringenden Morgengruß „Immigration Zambia!“ Ein kurzer Blick aus dem Fenster ergibt, dass wir immer noch in Tunduma stehen. Die Einreisebeamten drücken uns ihre Stempel in die Pässe. Endlich wieder offiziell (nachdem wir schon beim Einstieg in Mbeya ausreisegestempelt worden waren, befanden wir uns die letzten 39 Stunden im Nirgendwo).

Freitag, 22.10.10, nirgendwo zwischen Makasa und Mpika

Auf einer solchen Fahrt kann man ansatzweise ermessen, wie unermesslich Afrika ist. Irgendwo in Sambia fahren wir stundenlang durch Buschland, ohne viel mehr als ein paar strohgedeckte Hütten zu sehen, die wie Pilze in der Landschaft stehen.

Immer wieder sehen wir Rauchschwaden, schlägt uns die Hitze von Buschfeuern ins Gesicht, die jetzt gegen Ende der Trockenzeit gelegt werden, um nährstoffreichen Boden für die kommende Wachstumsphase zu gewinnen. Die Feuer verzehren nur Laub und trockenes Gras. Die Bäume, die schon junge hellgrüne Blätter ausgetrieben haben, bleiben unversehrt.

Ab und zu halten wir an einer kleinen Ortschaft an. Dort haben sich die Hütten zu größeren Gruppen zusammengerottet, plus einige Betonhäuser mit Wellblechdächern. Autos, geteerte Straßen, Industrie, sucht man hier vergebens. Ob es hier Elektrizität gibt? Kann ich mir nicht vorstellen. Also kein Fernsehen? Aber wie laden sie ihre Handys auf? Vielleicht haben sie einen Generator im Dorf. Oder – keine Handys? Nein, soweit wollen wir nicht denken, wir sind ja hier nicht in der Steinzeit. Wie nach kurzer Zeit ein Sendemast mit Sat-Schüsseln und Handy-Antennen beweist.

Samstag, 23.10.10, Ankunft in Kapiri Mposhi

Die Endstation Kapiri Mposhi erreichen wir um 4 Uhr nachts. Die Zugbegleiterin weckt uns. Schlaftrunken sammeln wir unsere Habseligkeiten ein. Der Deutsche warnt uns vor Taschendieben: „ich habe ja mein Geld immer unter dem Hemd, da müssen die erst mal ran kommen“. Aber die erwartete Massenhysterie bleibt aus. Offenbar sind selbst die Taschendiebe beim Warten eingeschlafen. Auf dem Parkplatz stehen nur ein Bus und ein paar Minibusse. Der Deutsche kommt uns entgegen: „ich hab hier schon eingecheckt, ich nehme ja immer den großen Bus. Kostet 40.000 Kwacha“. Brav folgen wir in den großen Bus und hoffen auf eine schnelle Fahrt nach Lusaka. Nur fährt der Bus nicht ab. Die Einheimischen checken es zuerst – es sind nicht alle Plätze besetzt und ein halbvoller Bus fährt in Afrika nicht. Die Chancen stehen nicht gerade rosig, dass um 4 Uhr morgens in diesem Kaff noch irgendjemand auf die Idee kommt, nach Lusaka fahren zu wollen. Also steigen die Leute aus und in den Minibus nebenan ein, der fast voll ist. Jetzt erkennt auch der Deutsche seine Chance, und er ergreift sie – schnappt sich den letzten Sitz im Minibus und ward nicht mehr gesehen. Zurück bleiben wir, drei Amerikanerinnen und zwei einheimische Frauen. Wir müssen den zweiten Minibus nehmen und für die leeren Sitze aufkommen – 85.000 Kwacha pro Person. Wenigstens hält der dann unterwegs nicht mehr an…

Samstag, 23.10.10, 9:00 Uhr: Ankunft in Lusaka

Endlich! Wir sind wohlbehalten angekommen. Außer einem hübschen Bluterguss am Oberarm (das Schiebefenster hatte sich gelöst, während ich Mantafahrermäßig am Fenster saß) habe ich keine Blessuren davongetragen. Und Dianas anfängliche Magenverstimmung hat sich in der frischen Zugluft kuriert.

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Feel the spirit

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Jeder weiß, dass man in Kiswahili gern auf i endende Wörter bildet. Vor allem englische Wörter.

So bekommt man das Bier coldi, zum Mittag gibt es chipsi, man kauft sich ein ticketi und fühlt sich insgesamt goodi (nur die lokalen Zigaretten der Marke Embassy werden Embass’ ausgesprochen – also ohne i)

Aber das beste i-Wort ist Konyagi: der National-Alkohol mit Gin-Geschmack, billig, gut verträglich und Heilmittel für so ziemlich jede Krankheit geeignet.

Am besten wirkt Konyagi, wenn man dazu stundenlang Musik der Marke “Bongo Flava” anhört (angesagt bei allen Tansaniern zwischen 11 und 51):
http://www.youtube.com/watch?v=Ro-TDiie_wE

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Sansibar oder der letzte Hund

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Wir saßen in Stone Town in unserem Lieblingsrestaurant Lukmaan, und aßen wie immer Pilao mit Spinat und Hähnchen Biriani. Tranken dazu den Avocado-Mix-Saft und Gewürz-Milch-Tee.

Schauten auf das Treiben auf der Straße. Frauen in schwarzen Bui-Buis, manchmal mit bunten Tüchern ergänzt. Männer in weiß. Schulmädchen in schwarz-weiß, sie sehen wie kleine Nonnen aus. Ein paar Touristen auf dem Weg zum Sklavenmarkt (gibt’s da heute was umsonst?). Aus der Moschee gegenüber schreit ein wenig begabter Imam, dass es nur einen Gott gibt. Ein paar Lastenzieher, ein Polizeiposten neben der Bank, Taxifahrer, und die Männer nebenan vom Kuku-Chipsi Stand sitzen wie immer vor dem Laden und schälen Kartoffeln.

Dann kam der Hund. Es war ein kleiner weißer Wuschelzwerg, den ein Mädchen in einer Plastikschale im Arm hielt, besorgt, ob sie den Hund ins Restaurant bringen könnte oder nicht.
„Wo habt ihr den Hund her?“
„Der ist aus dem Guesthouse, wo wir arbeiten“.
„Arbeiten?“.
So erfuhren wir von Paje, einem Dorf an der Ostküste von Sansibar, wo ein von Kokospalmen gesäumter Traumstrand für Postkarten posiert. Und von Teddy’s Place, seit drei Wochen der Arbeitsplatz von L. und J., einem jungen Pärchen aus Berlin. Das Guesthouse wurde von deutschen Investoren aufgebaut, die jeweils für ein halbes Jahr zwei Leute aus Deutschland hinschicken, um den Laden zu managen.

Wir entschlossen uns kurzerhand, einen Abstecher dorthin zu machen. Während der einstündigen Fahrt im Dalla-Dalla überholten uns immer wieder Trucks und Dalla-Dallas vollgestopft mit Leuten, die schrien und johlten, als ob sie auf dem Karnevalsumzug wären und auch so auffällig gekleidet waren, in gelb-grün.

Endlich erreichten wir Teddy’s Place, verschwitzt von einem 10-minütigen Fußmarsch von der Straße bis zu unserem Ziel, aber beim Anblick des Meers verflog die Müdigkeit schnell. Haben die Weichspüler der Sorte „Aprilfrisch“ hineingekippt? Wie kann es SO türkis sein? Und der Sand, das ist doch – Mehl! SO fein und weiß. Und wir sprechen hier nicht von Vollkornmehl.

Selbst die Hütten waren innen mit Sandboden (also gar kein Boden) ausgestattet, obwohl wir die einzige Steinhütte bekamen. Es waren sogenannte Bandas, Hütten aus Palmwedeln geflochten. Die Ziegenhautstühle vor der Hütte luden zum Entspannen ein, und aus der Bar tönte, vermischt mit dem Meeresrauschen, sanfte Musik… von den fantastischen Vier. Ja, an diesem Ort konnte man es ein paar Tage aushalten.

Das Meer kommt gegen Nachmittag. Dann kann man auch darin schwimmen. Um die Mittagszeit ist es noch weit draußen. Wenn man sich von der unerbittlichen Helligkeit nicht abschrecken lässt, kann man ein wenig hinaus spazieren durch diese surreale blau-weiße (aber ganz un-bayrische) Landschaft. Draußen im seichten Wasser kann man dann die Frauen beobachten, wie sie Meeresalgen anbauen. Sie rammen Holzstöcke in den Grund, der den Pflanzen halt gibt. Wenn sie erntereif sind, holen sie sie säckeweise aus dem Wasser und verkaufen sie an Handelsfirmen, die sie nach USA oder Europa exportieren, wo man Geliermittel (agar agar), Kosmetik und vieles mehr daraus macht. Man kann sich ein Stängelchen abbrechen und naschen, es schmeckt knackig und salzig und, naja, etwas algig.

Am ersten Nachmittag jedoch sahen wir den Strand kaum vor lauter gelb-grün. Aha, hier sind sie also alle. Es handelte sich um eine Wahlkampf-Rallye, und gelb-grün (in Deutschland undenkbar) ist hier momentan an der Macht, denn es sind die Farben der regierenden Partei Chama Cha Mapinduzi (CCM) von Präsident Kikwete.

Am Strand spricht uns jemand an (was im Übrigen ständig passiert) und nach ein wenig Pingpong mit Jambo – Jambo, Mambo – Poa, Karibu – Asante usw. erklärt er uns, dass die CCM-Partei aller Voraussicht nach (und wie auch schon die vergangenen Jahrzehnte) die landesweiten Wahlen gewinnen wird, die am 31. Oktober stattfindet. Und dass man hier mal sehen könne, wie zivilisiert in Tanzania alles zugehe, daran könnten sich Kenia und Ruanda mal eine Scheibe abschneiden. Nur zwei Wochen bis zur Wahl, und kaum Ausschreitungen! Keine Skandale, keine Hasspredigten, naja abgesehen von Chadema-Führern (die Opposition), die ihre Anhänger dazu aufriefen, Blut zu vergießen, sollten sie die Wahl verlieren. Das stelle man sich mal vor aus dem Mund von Guido Westerwelle vor. Deshalb sind wir, trotz aller Friedlichkeit, froh, dass wir zur Wahl aller Voraussicht nach schon in Sambia weilen werden.

Und der Hund? Ist so weiß, dass man ihn im Sand kaum erkennt und sieht seinem zukünftigen Leben als Wachhund an einem Traumstrand dieser Welt entgegen. Ein Hundeleben könnte schlimmer sein.

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Mbaga

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Mbaga
In Mbaga (auch Mbaga-Manka genannt) haben wir das dörfliche Leben in den Pare-Bergen kennengelernt, wie in Di’s Artikel ausgeführt.
Hier einige Impressionen:

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Dalla! Dalla!

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Wie an anderer Stelle erwähnt wurde, bin ich ein großer Fan lokaler Privat-Nahverkehrssysteme, weil das Reisen mit ihnen eine so authentische Erfahrung ist. Die Minibusse, Fahrradrikschas oder Lastwagen, die so treffende Namen tragen wie Becak, Bemo oder Pete-Pete, sind Salatschleudern des Lebens. Ich behaupte, wenn man etwas über die Kultur eines Landes erfahren möchte, lernt man auf einer 30-Minuten-Fahrt im Bemo mehr als bei einem Tag im Nationalmuseum.

In Tanzania hat der „lokale Transport“ viele Formen, aber nur einen Namen: Dalla-Dalla.

Auf Zanzibar besteht das Dalla-Dalla häufig in einem kleinen Lastwagen mit Führerhaus und Ladefläche, wobei letztere innen mit einer umlaufenden Sitzbank und einem Dach versehen ist. Der Innenraum ist mit schönen bunten Tapeten ausgekleidet. Im Dalla-Dalla finden 15 Leute bequem Platz. Das hält die Betreiber nicht davon ab, bis zu 30 hineinzuquetschen.

Nehmen wir an, wir wollen zusammen mit einem Bündel Holz, einem Fahrrad und den Einkäufen vom Markt von A nach B.

Also schauen wir uns zunächst im Dalla-Dalla-Terminal nach einem Vehikel der passenden Linie um. Dalla-Dalla fahren auf einer festgelegten Strecke, was man anhand der aufgeklebten Liniennummer und Endstation leicht erkennen kann.

Dann wählen wir gezielt ein Gefährt, das noch nicht zu voll ist, aber schon ein paar Fahrgäste enthält (das Dalla-Dalla wird nicht losfahren, bis es einigermaßen gefüllt ist). Für uns „Mzungu“ besteht eine weitere Herausforderung darin, möglichst den korrekten Geldbetrag zur Hand zu haben, denn sonst kann es passieren, dass man das Doppelte zahlt.

Nach kurzer Wartezeit (etwa nach 5 oder 30 Minuten) geht es los, Fahrer und Servicemitarbeiter nehmen ihre Plätze ein. Der Fahrer sitzt im Führerhaus und fährt (logischerweise). Neben ihm können zwei Fahrgäste Platz nehmen, allerdings sind diese Plätze so wertvoll, dass sie in der Regel immer schon an gute Bekannte des Fahrers vergeben sind.

Der Servicemitarbeiter bleibt hinten bei den Fahrgästen. Er kassiert das Geld ab und hilft beim be- und entladen. Auf der Strecke gibt es keine festen Haltestellen. Leute, die zusteigen wollen, stehen an der Straße und winken. Brav hält unser Dalla-Dalla an (wieso hält der an?? Wir sind doch schon übervoll!!) und lädt weitere Reissäcke und Holzbündel aufs Dach, während weitere Frauen, verschleiert mit strahlend bunten Tüchern und Korbtaschen in der Hand, die enger werdenden Sitzplätze einnehmen. Männer geben, ganz Gentleman, ihren Platz für Frauen frei und stellen sich hinten auf das Trittbrett zum Servicemitarbeiter. Immerhin haben sie dort frische Luft. Ab einer Belegung von 20 Personen riecht es, sagen wir, ziemlich intensiv nach, sagen wir, Mensch.

Irgendwann bemerkt man, dass die Füße kribbeln. Aber inzwischen sitzt man so eng, dass man keine Chance hat, die Füße oder sonst irgendetwas zu bewegen. Das Gute dabei ist, dass man nicht mehr hin- und herrutschen kann, wenn das Dalla-Dalla kamikazemäßig ein anderes überholt. Irgendwann versucht man nicht mehr, eine bequeme Position zu finden, sondern ergibt sich in seine Lage, lehnt sich entspannt gegen den Nebenmann, mit dem man auch ggf. ein Schwätzchen halten kann, und übt ansonsten meditative Observation der gebotenen Realität. Man kann auch lesen – wenn man das Buch hervorgeholt hat, als man sich noch bewegen konnte.

Endlich dürfen wir aussteigen. Wir sagen wir dem Servicemitarbeiter Bescheid, worauf dieser gegen die Karosserie hämmert, bis der Fahrer die Zeichen erkennt und anhält. Dann klettert der Servicemitarbeiter aufs Dach und lässt das Bündel Holz und das Fahrrad heruntersegeln. Die Einkäufe hatten wir ja in der Korbtasche, auf der mangels Platz ein anderer Fahrgast gesessen hatte. Nun reichen wir unsere Tasche schon mal durch und gehen im gebückten Gang (Achtung – Kopfstoßgefahr! Der Innenraum ist nur etwa 1,30m hoch) zum Ausstieg, während wir versuchen, nicht auf die Eierkartons, Fahrgastfüße und lebenden Hühner zu treten.

Draußen saugen wir die frische Luft ein – geschafft!

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